WHEN THE MARATHON TURNS THE LION INTO A CAT 

Was wirklich während der 42,195 km passiert  

Berlin, 29. September 2019. Eine kurze Nacht mit wenig Schlaf. Obwohl ich am Abend zuvor gefühlt drei Teller mit Pilz-Pasta verputzt habe, knurrt mein Magen.  Zum Frühstück gibt es heiße Zitrone mit BCAA und eine große Portion Porridge mit Banane und Blaubeeren. Dazu einen heißen Cappuccino. Los geht’s. Ich laufe von zuhause Richtung Reichstag – es ist eher ein Mix aus Gehen und Einlaufen. Auf dem Weg werde ich von anderen Läufern angestarrt, ich frage mich, ob es an meinen pinken Schuhen oder einfach an dem Umstand liegt, dass ich innerlich vor Nervosität zu platzen scheine. Immer wieder sage ich mir “das ist nur ein Longrun”.
Da ich mich erst vier Wochen vorher angemeldet habe, ist mein einziges Ziel heute die 42 Kilometer durchzulaufen. Doch gerade laufe ich gegen den Strom, denn ich wohne nur 800m vom Start entfernt und will eigentlich genau in die entgegengesetzte Richtung. An der schwangeren Auster stelle ich erstmals fest, welche Massen heute an den Start gehen. 46.983 Bekloppte, inklusive mir. Nach knapp zwei Kilometern und zwanzig Minuten bin ich am Ziel, unserem Fototreffpunkt: Dem Platz der Republik!

  7:30 UHR – 90 Minuten bis zum Start

Mit 16 bin ich Sonntags morgens zu Schwimmwettkämpfen gefahren, mit 20 war ich um die Zeit erst auf dem Heimweg und heute mit 30 stehe ich Sonntags morgens auf dem 17. Juni weil ich mich 1,5 Stunden vor dem Beginn eines 42,195 Kilometer langen Marathons befinde. Hätte mir das jemand mit 16 Jahren prophezeit, ich wäre vor Lachen wahrscheinlich ins Schwimmbecken gefallen. Mit zitternden Händen befestige ich irgendwie die Startnummer an meinem Shirt, die von Jahr zu Jahr immer größer wird. 

 

Nur noch 15 minuten – sch*** das passiert wirklich

Ein Vorteile von kleinen Brüsten ist die Tatsache, dass man sein Handy samt Maurten Gel im Sport-BH verstauen kann. Sicher verpackt vor Schweiß und Regen in der kleinen Flughafentüte vom letzten Mallorca Urlaub. Jetzt heißt es ein letztes Mal aufs Klo gehen, natürlich im Busch, weil man keine Lust hat 20 Minuten in der Schlange zu stehen. Ich hab den Drang mir die Hände zu waschen und denke unweigerlich an die kleinen Kinderhände, die mir zum Abklatschen an der Strecke entgegenhalten werden. Auf dem Weg zum Startbereich treffe ich die KRAFT Runners wieder. Wir umarmen uns und just in dem Moment als der Startschuss für das Elitefeld  fällt, fliegt mir ein Longsleeve an den Kopf, danke! 

DER STARTSCHUSS

Als sich die Masse in meinem Block B langsam auf die Startlinie zuschiebt, tritt mein Vordermann auf ein Gel am Boden und ich bekomme die volle Ladung ab: Schuhe, Schienbeine und Jacke, alles klebt. Ich versuche meine Uhr zu starten und gleichzeitig die klebrige Pampe abzuwischen. Ein Fehler, denn das Zeug trocknet so schnell, wie es auf meiner Kleidung gelandet ist. Ekel macht sich in mir breit. Ich kann nicht laufen, meine Hände kleben. Ich versuche meine klebrigen Finger an meiner Jacke abzuwischen, die ich eigentlich bei Kilometer vier ausziehen und Karin in die Hand drücken will. Innerlich überlege ich, wann der erste Wasserstand kommt und ich dieses Zeug abwaschen kann.  

Kilometer 1 – Ernsthaft? Regen?

Bin ich zu schnell? Bin ich zu langsam? Egal, meine Beine fühlen sich gut an. Nur noch 41 Kilometer, du schaffst das. Lindsey läuft direkt neben mir, mit Trinkflasche in der Hand. Ist das Absicht? Ich schaue sie an, aber sie scheint das Ding tatsächlich mitschleppen zu wollen.
Die ersten Kilometer fliegen an mir vorbei. Ich hole noch ein paar Läufer ein und entdecke Max unseren Fotograf am Streckenrand. Ich winke ihm zu und hoffe dass er ein Foto von mir gemacht hat. Ich bekomme die ersten Regentropfen ab, obwohl es eigentlich erst ab 12 Uhr regnen sollte. Doch ich verdränge den Gedanken, denn heute ist mein Tag, 

Kilometer 5 – Zeit zum Duschen

Nachdem ich mich bei Kilometer 4 mühsam aus meiner Jacke gepellt habe, sehe ich ihn endlich, der langersehnte Wasserstand. Ich schnappe mir gleich zwei Becher und leere den ersten über meinen Händen aus. Anschließend versuche ich den Großteil des zweiten Bechers in meinen Mund zu befördern – ohne Erfolg, das Meiste landet in meinem Dekolleté. 
Während sich das Teilnehmerfeld immer weiter auseinanderzieht, laufe ich gemeinsam mit Lindsey, Maren, Chris, Pierre und seinem Kumpel Richtung Regierungsviertel, als wären wir die Statisten in einem Running Werbespot. 

Was, schon 12 Kilometer?

Erschrocken schaue ich beim Piepsen auf meine Uhr und kann kaum glauben, wie schnell die ersten Kilometer an mir vorbeigeflogen sind. In wenigen Metern sehe ich meine beste Freundin, seit 31 Jahren kennen wir uns, genauso alt wie ich bin. Ich bekomme Gänsehaut bei dem Gedanken, wie viele Leute heute für mich an der Strecke stehen. Nur drei Kilometer später treffe ich meine Mama – ich bleibe für eine Umarmung stehen und sammle so viel Energie, dass ich den nächsten Kilometer in 4:10 absolviere. Ich reisse mich zusammen: schließlich liegen noch einige Kilometer vor mir.

Kilometer 21 – Halbzeit

Ein Stechen macht sich in meinem rechten Fuß breit, ich schaue nach unten und merke, wie der Chip für die Zeitmessung auf meinen Spann drückt. Abnehmen kann ich das Ding eh nicht, also versuche ich mich abzulenken und den Schmerz rauszulaufen. Es klappt, nur 20 Meter weiter treffe ich auf Clarissa und Björn, die uns an der Halbmarathonmarke zujubeln. Ich habe vor Freude Tränen in den Augen. Zu meiner Überraschung steht bei der Hälfte der Strecke auch noch eine 1:39 auf der Anzeigetafel und ich denke das erste Mal über eine mögliche Zielzeit nach. 

 

kilometer 27 – und plötzlich bin ich auf mich alleine gestellt

Ich bin bis auf die Unterwäsche nass und überlege, ob schon einmal ein Marathonläufer an Erfrierung gestorben ist. Sämtliche Getränkestände lasse ich links liegen und versuche nur noch an Lindsey dran zu bleiben. Ab Kilometer 30 baue ich rapide ab und lasse sie ziehen. Meine Muskeln beginnen vor Kälte zu schmerzen und dieser Chip fühlt sich wie eine Fußfessel an, die scheinbar mit jedem Schritt schwerer wird. In Gedanken versuche ich mich auf Kilometer 34 zu konzentrieren, dort wartet Karin zum zweiten Mal auf mich. 

 

Kilometer 36 – jetzt ne heiße schokolade 

Mittlerweile verstehe ich, warum sich manche Läufer vor einem Marathon Schmerzmittel einschmeissen. Meine Beine scheinen mittlerweile auf Autopilot geschaltet zu haben, nachdem sie endlich gerafft haben, dass ich nicht stehen bleibe ehe ich im Ziel bin. Ich fühle mich wie in Zeitlupe und sehne den nächsten Cheerpoint herbei – oder eine heiße Schokolade. Oh ja, Schokolade wäre jetzt schön!  Endlich kommt der erste von zwei Cheerpoints in Sicht. Bei Kilometer 37 jubeln mir die Adidas Runners zu. Ich entdecke Netti meine Kollegin und weiß nicht wer mehr leidet, sie klatschnass am Streckenrand oder ich, klatschnass auf der Strecke.
Nur 500 Meter weiter stehen die KRAFT Runners. Ich will den Moment so lange wie möglich auskosten und werde langsamer. Plötzlich schiessen mir Tränen in die Augen. Ich lass meinen Emotionen freien lauf und nehme so viele positive Vibes mit wie ich kann.
Jetzt weiß ich, dass ich es bis ins Ziel schaffe, egal wie! 

Kilometer 39 – teamwork

Moment mal, den kenne ich doch! Keine 100 Meter vor mir sehe ich Pierre. Während ich versuche ihn einzuholen legt er eine Gehpause ein. Ich versuche ihm etwas von meiner Motivation abzugeben, doch seine Achillesferse streikt. Gemeinsam laufen wir bis zum nächsten Wasserstand bevor ich weiterziehe. 

Kilometer 40 – wildfreme leute feuern mich an

Ich muss wirklich beschissen aussehen, denn immer mehr Leute rufen meinen Namen. Ich weiß nicht ob ich mich schämen oder freuen soll. Mittlerweile bohrt sich der Chip an meinem Fuß so fest in den Spann, dass ich felsenfest davon überzeugt bin, ein Loch im Fuß zu haben. Ich kann keinen Meter mehr laufen und gehe über die 40 Kilometer Markierung. 

IM ZIEL 

Eine gefühlte Ewigkeit später laufe ich durchs Brandenburger Tor und fühle mich verarscht. Wieso ist das hier nicht das verdammte Ziel. Stattdessen geht es noch einmal 500 Meter über den 17. Juni. Ich schleppe mich über die Linie und werde von Jakob überrascht. Er macht ein Foto und umarmt mich. Ich habe zwar keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll (ohne Jacke) doch eins weiß ich, ich werde es wieder tun. Marathon laufen ist Wahnsinn. Es macht absolut keinen Sinn. Doch das Gefühl über die Ziellinie zu treten ist unbeschreiblich. 

Danach 

Ein paar Minuten nach mir kommt Pierre ins Ziel. Wir haben es geschafft, wir haben durchgehalten und unsere eigenen Grenzen überwunden. Arm in Arm schlendern wir Richtung Medaillenausgabe. Die Schmerzen haben sich gelohnt. Innerhalb von zwei Wochen bin ich eine neue Halbmarathon und  Marathon PB gelaufen. Ich fische mein Handy aus dem BH und registriere, dass ich über 58 Nachrichten bekommen habe. Doch das Einzige woran ich denke, ist dieser Chip und wie ich ihn schnellstmöglich von meinem Fuß bekomme. Eingewickelt in eine riesige Plastiktüte mache ich mich auf den Weg nach Hause. Die wohl längsten 1,5 Kilometer meines Lebens. 
Nach einer heißen Wanne fühle ich mich wie neugeboren und so langsam kehrt auch mein Hunger zurück. Um meine Muskeln nach dem Marathon mit ausreichend Proteinen  zu versorgen gönne ich mir einen Shake. Zum Abendessen gibt es Salat mit gebratenem Gemüse und zur Krönung des Tages geht es mit dem car2go zum Lieblingseisladen, denn Laufen will ich heute keinen Schritt mehr. 

PHOTO Credits 

Special thanks to @maxmenning, @jakobnawka @merlinseifert und Seth Profet für die grandiosen Bilder.